Auf den Versuch kommt es an

fuchsIm März 2012 hat uns ein Kollege der Bergischen Greifvogelhilfe einen kleinen Fuchs auf den Hof gebracht. Völlig verstruppt und abgemagert, nicht mehr als eine Hand groß. Der kleine Kerl war vielleicht vier Wochen alt und vermutlich der einzige Überlebende einer Baubegasung. Zwei Wochen lang habe ich ihn mit mir herumgetragen, neben das Bett gestellt und auch nachts alle zwei Stunden gefüttert, den Durchfall weggewischt und seine Gewinsel ertragen. Nach vier Tagen ging es ihm besser, nach einer Woche konnte er selbst fressen, nach anderthalb Wochen durch eine Pferdebox rennen und im Streu toben. Nach zwei Wochen war er tot.

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Eine der wichtigsten Regeln für die Arbeit mit Tieren lautet: Du musst wissen, wann es zu Ende ist. Die Einsicht, nicht jeden retten zu können, ist Voraussetzung dafür, seelisch gesund zu bleiben. Wir reden uns gerne ein, diesen Punkt erreicht zu haben. Aber mit der Profession, für die man sich entscheidet, entscheidet man sich auch für den Kummer, den man anschließend ertragen muss.

Die Entscheidung war zunächst leicht, am Silvesterabend den kleinen Welpen aufzunehmen, der im Tierheim gestrandet war. Aber Intensivpatienten wie der kleine Fuchs oder der kleine Welpe zerstören jeden Plan. Sie erfordern Tagesabläufe, die nur um sie gestrickt sind. Sie zerhacken Nächte in vielfach schlaflose zwei-Stunden-Schichten. Sie machen einsam und lassen einen nicht los. Wenn es klappt, gehen sie fort. Klappt es nicht, hinterlassen sie ein schwer zu verwindendes Loch. Und häufig das Gefühl: Ich möchte diesen Schmerz nicht mehr.

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Heute war so ein Tag. Gegen Mittag mussten wir entscheiden, den kleinen Welpen einzuschläfern. Richtig? Falsch? Richtig. Am Nachmittag musste ich im Tierheim nach Beratung mit der Greifvogelstation entscheiden, einen Bussard zu euthanasieren. Richtig? Falsch? Richtig. Am Abend lag die Entscheidung auf dem Tisch, eine Katze zu operieren oder sie zu erlösen. Richtig? Falsch? Ich weiß es noch nicht.

Zum Glück muss ich die Entscheidung in den meisten Fällen nicht alleine mit mir abmachen. Heute mittag war es Steffi, die als erste sagte, wir machen Schluß. Gerade deshalb, weil sie in den letzten 36 Stunden wieder einmal diejenige war, die am intensivsten um den kleinen Patienten gerungen hatte. Und: mit dieser Entscheidung deshalb auch am meisten verloren hat. Am Nachmittag plädierte auch Dirk Sindhu für die Einschläferung des Bussards. Wegen der Katze beraten und beschließen wir im Kollegenkreis.

Und doch nimmt man jede Entscheidung des Tages abends mit in den Schlaf. Ein paar Stunden des Ringens um ein Tier bedeuten: Game over. You lose. Wenn es stirbt, bleibt irgendwas davon an dir kleben.

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Der kleine Fuchs im vergangenen März war nicht zu retten, weil sein Darm vollständig entzündet war. Er hätte nie die Chance gehabt, wie ein Fuchs zu leben. Der Silvester-Welpe stand schon in seinem eigenen Blut, als wir entscheiden mussten. Wir hätten minimalste Hoffnungen um den Preis von Tagen oder Wochen voller Schmerz erkauft – auf seine, nur seine Kosten. Der Bussard hätte nie wieder greifen können mit seinen Beinen, wäre wohl auf einem Auge blind geblieben.

Alles richtig gemacht also. Und trotzdem hat alles weh getan.

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Wenn ich morgen raus auf die Weiden gehe, wird mir wieder eine kleine Kanadagans hinterherfliegen. „Das Wii-Wii“ ist im letzten Sommer als zwei Tage altes Küken zu uns gekommen und war einer der vielen Intensivpatienten des Jahres 2012. Sie hat es geschafft: aus dem kleinen wackeligen Küken ist eine prächtige Gans geworden, die weite Spaziergänge liebt und mich täglich da draußen begleitet.

Darum machen wir das. Weil es so schön ist, zuzusehen, wie sie groß werden. Wie aus einer zweiten Chance ein neues Leben wird. Es ist nicht zu ändern, dass zweite Chancen nur um den Preis zu haben sind, dass manche auf dem Weg dorthin scheitern. Wir hätten uns so gefreut, wenn dieser kleine Hund es heute geschafft hätte. Und auf den Versuch kam es an. Alles andere liegt nicht in unserer Hand.