Wenn gestern und heute nicht unbedingt auch morgen bedeutet

In dieser Woche feiert der General-Anzeiger Bonn, für den auch ich drei Jahre gearbeitet habe, sein 125-jähriges Bestehen. Das wäre ein schönes Fest, wenn man nicht konkret befürchten müsste, dass diese Zeitung – wie viele andere auch – heute deutlich weniger Jahre vor sich als hinter sich hätte. Vor kurzem wurde bekannt, dass der Verlag verschiedene Abteilungen, darunter auch die Online-Dienste, schließt. Inzwischen wurden Mitarbeiter gekündigt, die Weihnachtszeit wird für einige die letzte Zeit bei einer Zeitung sein, die sich gerade mit einer Sonderpublikation unter dem Titel „Gestern-Heute-Morgen“ selbst bewirbt.

Auch Online. Dort ließ sich der der 28-jährige Verlegerssohn Felix Neusser befragen und die Redakteure Sylvia Binner, Wolfgang Kaes und Andreas Mühl ließen ihm dabei kritiklos Sätze wie diesen durchgehen: „Es geht um eine Leuchtturm-Strategie, deren qualitativ hochwertige Ausrichtung in allen Medien, die der General-Anzeiger anbietet, für den Nutzer spürbar ist. Die jedem zeigt, dass diese Marke Orientierung bietet, und zwar verzahnt über Print und Digitales. Dies bedarf einer starken Redaktion, die medienübergreifend leserorientiert sowohl lokal als auch überregional arbeitet.“

Das kommt Ihnen bekannt vor? Kein Wunder. Denn solche Sätze ohne konkreten Inhalt sagen Verleger seit Jahren, wenn sie zur „Zukunft der Zeitung“ befragt werden. Es handelt sich um den verzweifelten Versuch, ein nachhaltig vom Aussterben bedrohtes technisches Modell – den Druck von Nachrichten auf Papier – und das damit verbundene Geschäftsmodell in eine Zeit zu retten, in der sich die Spielregeln längst geändert haben. Sie schmerzen heute nur mehr in den Ohren, weil wir heute wissen, wie wenig Verlagsmanager mit solchen Sätzen tatsächlich zur „Strategie“ beitragen.

Als wir 1996 die Online-Entwicklungsredaktion aus der Taufe hoben, war Felix Neusser ungefähr zehn Jahre alt. Die Zeit, in der auf Papier gedruckte Zeitungen die wichtigste Informationsquelle waren, hat er kaum noch als Kind erlebt. Nun will er „Leuchtturm“ für eine Transformation sein, von der er nur eine Seite kennt, und für die er auf die Mitarbeit derjenigen verzichtet, die die Transformation von Anbeginn begleitet haben.

Ich will es mal so sagen, zu diesem Jubiläum: Aktuell hat der Verlag einigen Kolleginnen und Kollegen der Online-Dienste die Schuhe ausgezogen. Aber als Redakteur der Print-Abteilung würde ich mir schon mal warme Socken besorgen.

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