„Er greift meinen Hund an und pinkelt in die Ecken.“

„Guten Tag, ich habe seit fünf Monaten einen Feldhasen hier in meiner Wohnung, aber jetzt greift er meinen Hund an und pinkelt in die Ecken.“ — Der Winter ist die Jahreszeit, in der wir uns auf dem Retscheider Hof ständig mit dieser Art von Anrufen beschäftigen dürfen. Dagegen wächst kein Kraut, seit Jahren ist es unveränderte, ungeliebte Tradition.

Am liebsten würde man in solche Situationen natürlich den Rat geben, die Anrufer:innen sollten sich doch bitte erstmal selbst den Kopf vor irgendeine Wand schlagen, auch wenn es das Problem für das Tier nicht unmittelbar löst. Wer Wildtiere über Monate ohne Artgenossen, dafür gemeinsam mit dem Familienhund im Wohnzimmer aufzieht, hat sein Recht auf warme Worte eigentlich aufgebraucht. Aber, eben, da ist ja auch noch ein Tier, das in der Regel von der gefährlichen Situation, in der es sich befindet, nix ahnt. Gefährlich ist die Situation, weil sich die ehemals fürsorglichen Ersatzeltern erfahrungsgemäß schnell in treulose Menschen verwandeln, sobald das Findelkind sich nicht mehr nett und süß verhält. Spätestens ab einem Alter von sechs Monaten haben die meisten Tiere auch optisch ihren Welpenschutz verloren und das sollte man nicht zu gering schätzen.

Nicht wenige Wohnzimmerwelpen landen deshalb unversehens im Wald oder auf dem freien Feld, gerne genau da, wo sie schon im erwachsenen Zustand nicht leben würden. Manche kämpfen sich durch bis zur nächsten menschlichen Behausung und lernen dann, dass auch fremde Menschen, obwohl eigentlich als Futtergeber vertraut, sich über den Besuch von Wildtieren nicht immer freuen. Nur: was hilft schon ‚Lernen‘, wenn man als Wildtier einfach Hunger hat, aber bislang nie was anderes als industriell gefertigte Nahrung ins Maul bekam?

Kein Sozialverhalten gelernt, keine korrekte Nahrungspräferenz, körperlich auf Wohnzimmer ausgelegt, innerlich ein Wildtier: Das gilt bei uns als in der Regel nicht korrigierbarer Totalschaden. Daran kann die späte Abgabe in eine Wildtierstation übrigens nichts ändern. Viele Anrufer:innen wissen das auch, aber sie rufen ja nicht an, um für das Tier was zu ändern — sie wollen es halt einfach los sein.

Es gibt — um das gleich zu sagen — für diese Situationen keine konfliktfreien Lösungen. Wir können privaten Anrufern da meistens ebenso wenig helfen wie Behörden, die Wildtiere in Wohnzimmern beschlagnahmen. Für manche Tiere findet sich eine Lösung, weil die Umstände irgendwie glücklich sind oder jemand auftaucht, der Unglück durch Leidensfähigkeit ausgleicht. Für andere endet die Aufzucht in einem rein Google-informierten Haushalt mit der Euthanasierung.

Wir werden solche Vorträge vermutlich für den Rest unseres Lebens halten, weil wir auch die Anrufe für den Rest unseres Lebens erhalten. Aber wer immer bei Freunden und Bekannten davon erfährt, dass sie ein kleines Wildtier „gefunden“ haben und sich nun darum kümmern: Diesen Beitrag kann man verlinken und weitergeben. Oder anrufen, denn dafür sind wir da: 02224 9769082-0.